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"Wehmut und Weisheit, Ahnung und Hoffnung, Heiterkeit und Tiefsinn- nicht häufig gibt es einen Erstling, der so vielschichtig, so abgerundet, ja: so schön ist wie "Das Tier Taumeltouw" von Christian Pfluger. Der 1963 geborene Autor- er hat in Zürich die Fachklasse für Fotografie der Schule für Gestaltung absolviert und arbeitet nach eigenen Angaben zum "Broterwerb" am dortigen Schauspielhaus- hat eine Erzählung geschrieben, deren lyrische Sprache am ehesten mit Max Frischs "Bin oder Die Reise nach Peking" (1945) zu vergleichen ist, deren Verlauf an Peter Handkes Märchen "Die Abwesenheit" (1987) erinnert- und die doch ganz eigenständig ist, eine fast selbstverständliche erzählerische Sicherheit und sprachliche Prägnanz besitzt.
"Ich habe das Tier Taumeltouw lange begleitet"- so beginnt Pflugers Erzählung, und dieses erzählerische Ich bleibt bis zum Schluss auch des Lesers Begleiter. Taumeltouw ist zunächst ein "Es" mit den verschiedensten Eigenschaften. Es wird nacheinander als schüchtern, klein, bescheiden, gefährlich, einsam, gutwillig, pflichtbewusst, strebsam, gut, mutig, freundlich, wehrlos geschildert- kurzum: als Wesen fast so normal wie irgendein Mensch. Eines Abends fühlt Taumeltouw auf der Heimfahrt im Auto ein kurzes Unwohlsein und erblickt eine helle Lichterscheinung. Es folgt diesem strahlenden Punkt am Himmel, begleitet vom unsichtbaren Ich des Erzählers. Auf ihrer Reise durch eine imaginäre Welt durchqueren die beiden eine düstere Gegend voller Abfälle, treffen eine Frau, die Taumeltouw mit ihrem weiten blauen Mantel umhüllt, und dringen in einen Park ein, wo ihnen ein als Diener gekleideter Mann seine Lebensgeschichte erzählt. Am nächsten Tag finden sich die Reisenden von unendlichen Wasserflächen umschlossen.
Die Reise zu diesen unüberwindlich scheinenden Hindernis hat Taumeltouw verändert. "Taumeltouw begann, mir ähnlich zu werden", sagt der Erzähler. Aus dem Es wird ein Er. Taumeltouw taucht ins Wasser ein, lässt seine Vergangenheit hinter sich. Am anderen Ufer wartet das Land des Vergessens, eine Schutthalde voller weggeworfener Dinge. Die Fahrt endet dort, wo sie begonnen hat, am Ort, wo Taumeltouw zum ersten Mal jenes helle Licht erblickt hat. Was ist geschehen damals? Es hat Bremsspuren auf dem Asphalt, Taumeltouws Körper wurde im zerquetschten Auto gefunden. Er ist tot, lebt aber in einer anderen Existenz weiter.
"Sei nicht traurig, Taumeltouw. Sieh mir in die Augen, denn meine Angst ist grösser als alles auf der Welt. Sieh mir in die Augen, grosser, mächtiger Taumeltouw. Endlich werde ich ins Ganz-Andere übergehen, mein Auftrag ist beendet. Ich bin der Tod, Taumeltouw. Und du bist auch einer wie ich. Sei nicht traurig, wenn ich jetzt gehe."
So endet Christian Pflugers Erzählung. Sie hat keine eigentliche Handlung, setzt sich vielmehr zusammen aus locker miteinander verbundenen Schilderungen. Sie ist abstrakt und konkret zugleich, spielerisch und ernsthaft, traurig und tröstlich, träumerisch und realistisch, hell und dunkel. Sie verbindet unverkrampft gegensätzliche Welten, bewegt sich zwischen der Welt der Dinge und jener des Denkens, zeigt den Weg des Bewusstwerdens, des Sich-Findens. Immer wieder entstehen neue Bezüge, werden mit erzählerischer Leichtigkeit Lebenserfahrungen bewusst gemacht, Symbole entschlüsselt. Und trotzdem: Das Letzte bleibt verborgen, die Poesie behält ihr Geheimnis.
"Was, wenn es sich irrte, wenn das Licht nichts Besonderes war, sondern eben nur ein gewöhnlicher Stern? Was, wenn es einem Phantom nachging? (...) Spielte das überhaupt noch eine Rolle, fragte sich das Tier Taumeltouw. Nein, antwortete es, es spielt keine Rolle."
Mit seiner Erzählung "Das Tier Taumeltouw" (Rauhreif-Verlag, Zürich) legt der 1963 geborene Christian Pfluger seinen literarischen Erstling vor. Nicht allein die vom Autor stammenden Illustrationen des Bandes, sondern auch die bildhafte Sprache erscheint als Hinweis darauf, dass Pfluger ein Augenmensch ist. Das Tier Taumeltouw, der Erzählung eigentlicher Protagonist, wird denn auch kaum in seinem Wesen rational gedeutet; es erscheint vielmehr ganz und gar in die Abläufe magischer Bewegungen eingebettet.
Christian Pfluger schreibt in einer Weise, die in der gegenwärtigen Literatur unseres Landes selten anzutreffen ist. Es ist die ganz persönliche und eigenständige Variante eines "magischen Realismus", die den mitunter legendenartigen Inhalten und Handlungen adäquat ist. Dabei wirkt die Erzählung trotz ihres oft episodenhaften und impressionistischen Charakters dicht und geschlossen. Die Verbindung von wie von fern und früh Erinnertem mit Gegenwärtigem wirkt keineswegs willkürlich, sondern verleiht dem Text etwas Zeitloses. Dieser Eindruck wird durch den Zusammenklang von Innen und Aussen, Objekt und Subjekt, Ahnung und Gegenwart noch intensiviert; Erlebnis und literarische Umsetzung sind poetisch im eigentlichen Sinn. Es bleibt zu hoffen, der Autor möchte sich die Ursprünglichkeit und Eigenständigkeit seines Erstlings bei weiteren Werken bewahren."
(SCHWEIZER FEUILLETON-DIENST)
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